Wenn die Zeit nach der Diagnose „Diabetes mellitus Typ 1“ eine Jahreszeit wäre…

Wie ich mit meiner Diagnose umging

November – ein Monat mitten im Herbst. Dunkel, kalt, regnerisch, aber auch bunt gefärbte Blätter auf den Wegen, orange leuchtende Kürbisse und gemütliche Abende auf dem Sofa. Wenn ich darüber nachdenke, ein Monat, der zu einer Diabetes-Diagnose passt – zumindest zu meiner.

Den Oktober 2020 konnte ich kaum genießen. Nach einem Virusinfekt im September hatte ich nie wieder das Gefühl, meine Energie vollständig zurück erlangt zu haben. Ich war ständig müde, habe fast nur noch gearbeitet und geschlafen. Hinzu kamen gynäkologische Auffälligkeiten und eine extrem trockene Haut, die mir den Alltag erschwert haben. Als mir dann in meinem Nachtdienst bewusst wurde, dass ich sehr häufig Teewasser aufgesetzt, zusätzlich mehrere Liter Wasser pro Nacht getrunken habe und ich am PC jedes Mal sehr nah an den Bildschirm gehen musste, um meine Dokumentation lesen zu können, hatte ich schnell die Befürchtung, dass etwas mit meinem Blutzucker nicht stimmte.


Anfang November ging ich dann zur Blutentnahme, wurde krank geschrieben und bekam die Diagnose. Da ich mich bei der Arbeit in der Psychiatrie kurz zuvor intensiv mit einer Patientin in das Thema Diabetes eingearbeitet hatte, war die Diagnose zwar keine Überraschung mehr, aber trotzdem ein Schock. Relativ schnell, sicherlich auch um meiner Familie ihre Sorgen zu nehmen, stellte sich allerdings bei mir ein Gefühl von Akzeptanz ein. Ein kurzfristiger Selbstschutz, wie ich im Nachhinein weiß. Das Gefühl hielt nicht lange an.


Traurigkeit, Verzweiflung und Angst kamen nach einer Woche wieder. Nie wieder unbeschwert essen. Für mich als jemand, der sich keinen besseren Abend vorstellen kann als einen mit Freund*innen und Familie an langer Tafel, an dem stundenlang gegessen, getrunken und gequatscht wird, eine schreckliche Vorstellung. Nie wieder bedenkenlos eine Nacht durchmachen. Für mich als Erzieherin im Schichtdienst und als Musik- und Tanzliebende eine schreckliche Vorstellung. Nie wieder einfach so beim Sport auspowern. Für mich als Yogalehrerin eine schreckliche Vorstellung.

Eine schreckliche Vorstellung – auch wenn ich viele Menschen mit Diabetes kannte/kenne und weiß, dass nichts unmöglich ist, hatte ich das Gefühl, mir wird meine Unbeschwertheit und ein Stück meiner Freiheit genommen.


Hinzu kamen die Sorgen meiner Familie. Ich habe zum Zeitpunkt der Diagnose mit meinen Eltern und meinen beiden Schwestern unter einem Dach gewohnt. Sie haben mich alle vier von Anfang an getragen. Ich bin ihnen unendlich dankbar für jede einzelne Umarmung, jeden Spaziergang, jede Rücksichtnahme, jede Ablenkung, für ihr Interesse, ihre Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen, ihre Unterstützung in allen Bereichen und ihr unendliches Engagement. Wir mussten einen neuen gemeinsamen Umgang mit unseren Sorgen und Ängsten finden. Jeder geht anders mit einer solchen Situation um. Der eine entwickelt einen Tatendrang und braucht das Gefühl, etwas tun zu können, der andere – und dazu gehörte ich in diesem Fall – muss erst einmal die Gefühle sortieren, reflektieren und die Situation kognitiv erfassen, bearbeiten und für sich einordnen. Das geht im Austausch miteinander, aber auch im Rückzug. Ich brauchte eine Mischung aus beidem. Es war unfassbar hilfreich, dass wir nach kurzer Zeit offen über unsere Bedürfnisse und Sorgen gesprochen haben. So konnte ich meinen Weg Richtung Bewältigung und Umgang mit der Krankheit gemeinsam mit meiner Familie meistern.

Im Nachhinein betrachtet, waren nach der ersten Woche voller Akzeptanz Woche zwei und drei die dunklen, kalten und regnerischen Herbsttage. Erst ab Woche vier konnte ich die Farben, das Leuchten und die Gemütlichkeit wieder erkennen. Ich habe mit Tagebuchschreiben, sehr ruhigem und entspannendem Yoga, langsamem Hoopdance, lauter Musik, Hörspielhören, Teetrinken und kleinen kreativen Projekten wie Stricken und Kürbisschnitzen begonnen. All das hat mir in Woche zwei und drei zur Ablenkung geholfen, ab Woche vier konnte ich es auch wieder ein Stück weit genießen.


Ich habe gemerkt, wie es mir auch körperlich immer besser ging. Langsam konnte ich annehmen, dass die Diagnose auch ein Glück ist. Meine Energie kam zurück. So genervt ich hin und wieder vom Rechnen und Spritzen war, so froh war ich, endlich wieder richtig Yoga machen zu können. Lange Herbstspaziergänge waren wieder möglich, zwar ab jetzt immer mit Apfel und Traubenzucker für den Notfall, aber dafür ohne anschließend einzuschlafen. Tag für Tag ging es bergauf. Natürlich gab es immer wieder kleine Tiefs, aber mit Hilfe von Gesprächen mit Freund*innen und Kolleg*innen wurden auch die Woche für Woche seltener.



Gleichzeitig habe ich begonnen, mich auf naturwissenschaftlicher Ebene mit der Erkrankung auseinanderzusetzen und viel über unseren Körper und seine Prozesse sowie die schulmedizinischen Möglichkeiten, die es dank der Forschung und auch der technischen Entwicklung gibt, gelernt. Schon immer hat mich ein Zusammenspiel von klassischer Humanmedizin und alternativen Möglichkeiten für die Gesundheit von Körper und Psyche begeistert und daran hat sich auch durch meine Diagnose nichts geändert. Ich brauchte nur etwas Zeit, um diese Begeisterung konstruktiv für den Umgang mit meinem Diabetes nutzen zu können.

Am 14. Dezember bin ich dann zum ersten Mal wieder arbeiten gegangen. Wie reagieren meine Kolleg*innen? Lassen sie mich ganz normal arbeiten oder sorgen sie sich jetzt permanent? Wie viel soll ich erzählen? Wann thematisiere ich meinen Diabetes und wann nerve ich damit? Wie mache ich das mit dem Essen, wie mit dem Spritzen? Beim ersten Essen ging es (natürlich) schief. Die Nadel saß nicht richtig auf dem Pen, ich hab’s nicht bemerkt und meine Werte schossen in die Höhe. Ich habe „heimlich“ auf der Toilette Korrektur gespritzt. Als ich da so saß, habe ich für mich entschieden: Das ist Schwachsinn und absolut nicht mein Weg. Ich habe nie wieder auf der Toilette gespritzt. Ich habe mich für Offenheit und Ehrlichkeit entschieden. Meine Sorgen waren umsonst. Mein Team und ich haben einen guten Mittelweg gefunden. Sie haben meinen Diabetes auf dem Schirm, sorgen sich manchmal und unterstützen mich, wenn es nötig ist. Dabei habe ich nie das Gefühl, bemuttert oder kontrolliert zu werden.



Ich schreibe diesen Bericht Ende Oktober 2021, während ich wieder Nachtdienste habe. Es sind die ersten Nachtdienste, nachdem ich auf den Tag genau ein Jahr damit pausiert habe. Ich bin dankbar, dass ich die Zeit bekommen habe, meinen Körper kennenzulernen, bevor ich wieder eine Nacht arbeitend „durchmache“. Es zeigt mir wieder einmal, wie wichtig es ist, seine Bedürfnisse zu äußern, um Hilfe zu bitten und Unterstützungsangebote anzunehmen.

Meine Diagnose kam in einer Zeit, als die Corona-Pandemie das Treffen von Freund*innen ziemlich eingeschränkt hat. Am Telefon, per Zoom und Co. bin ich immer auf Interesse und Verständnis gestoßen, wenn meine neue Situation zur Sprache kam. Trotzdem war es ein anderes Gefühl, als wir uns dann wieder zum ersten Mal richtig treffen konnten. Für mich gehörte Diabetes jetzt schon ein Stück dazu, für meine Gegenüber war das alles neu. Auch hier war ich zu Beginn aufgeregt, aber jede neue Begegnung hat Sicherheit gebracht und ich habe versucht, durch eine innere Haltung aus Selbstakzeptanz, Achtsamkeit und Dankbarkeit Ruhe zu gewinnen. So war mein Diabetes auch im Freundeskreis nach kurzer Zeit zumindest kein besonderes Thema mehr, sondern wurde Stück für Stück zum Alltag.



Es kommen immer wieder erste Male, immer wieder neue Situationen, immer wieder neue Herausforderungen, aber die Sorgen, wie ich mit ihnen umgehen soll, sind bei weitem nicht mehr so groß. Ich habe in diesem ersten Jahr mit Diabetes schon viele Abende mit Freund*innen, meiner Familie, sehr gutem Wein und noch besserem Essen verbracht. Ich habe nicht nur Nächte halb durchgetanzt, sondern jetzt auch die ersten Nachtdienste durchgehalten. Und ich kann mich an kaum eine Woche erinnern, in der ich mich nicht mindestens einmal sportlich ausgepowert habe.

Ich kann alles machen, was ich vorher auch gemacht habe und weiß, dass ich durch einen bewussteren und achtsamen Umgang mit mir, meinem Körper und meiner Zeit durchaus auch an Fähigkeiten und Lebensqualität dazugewonnen habe. Trotzdem gibt es Tiefs und Tränen und manchmal bleibt es ein Kampf. Es gibt sie, die dunklen, kalten, regnerischen Tage. Ich kann das mittlerweile akzeptieren – genau wie solche Tage zum Herbst gehören, gehören sie eben zum Leben mit Diabetes. Umso dankbarer bin ich für jeden kleinen und großen unbeschwerten Moment, sowie für all die Menschen, die mich bedingungslos unterstützen, allen voran meine Familie.


So wie man im Herbst bunte Blätter sammelt, sammle ich als Diabetikerin jetzt wundervolle Erfahrungen und Wissen über meinen Körper. So wie der orange leuchtende Kürbis zum Herbst gehört, gehört zum Diabetes eine offene und herzliche Gemeinschaft. Und den gemütlichen Tag auf dem Sofa erlaube ich mir durch meine neu gewonnene Achtsamkeit und das Bewusstsein über die Wichtigkeit von Selbstfürsorge - nicht nur im Herbst.


Ich bin dankbar für das letzte Jahr mit seinen Hochs und Tiefs! Es hat mich so viel gelehrt - über mich, meinen Körper, die Menschen um mich herum, meine Möglichkeiten, aber auch meine Werte, Prioritäten und Ziele. Danke an alle, die dabei waren! Bis bald in einem neuen Jahr mit all seinen Jahreszeiten!



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