Mama werden mit Typ 1 Diabetes - Mit Babybauch durch Hochs und Tiefs

Für eine bessere Veranschaulichung werden hier konkrete Faktoren, Messwerte und Insulineinheiten genannt. Wir möchten daran erinnern, dass alle Körper verschieden sind und unterschiedliche Mengen an Insulin benötigen, das hat vielfältige Ursachen. Die Menge, die dein Körper braucht, ist die richtige Menge.

 

In diesem Bericht möchte ich euch von persönlichen Erfahrungen während meiner Schwangerschaft mit Typ 1 Diabetes berichten. 

Als Insulinpen-Nutzerin stieg ich zur Vorbereitung auf die Schwangerschaft auf eine Insulinpumpe mit Humalog Insulin um. Die war auch mit dem Dexcom Sensor kompatibel. Zudem habe ich mich informiert, was ich bei einer Schwangerschaft beachten muss. Dazu hat die DDG eine Leitlinie „Diabetes in der Schwangerschaft“ herausgebracht. Diese beinhaltet viele wichtige Infos zum Diabetesmanagement vor und während der Schwangerschaft sowie während der Geburt. Der Leitfaden von der DDG war für mich sehr hilfreich. 


Empfehlung für den Zielbereich während der Schwangerschaft laut DDG:

Nüchtern bzw. vor einer Mahlzeit: 65-95 mg/dl, 

eine Std. nach Beginn der Mahlzeit: ≤ 140 mg/dl und

zwei Std. nach Beginn der Mahlzeit: ≤ 120 mg/dl.

Vor der Schwangerschaft war solch ein Zielbereich für mich nicht üblich. Ehrlich gesagt habe ich nicht immer gewartet, bis mein hoher Blutzucker wieder im Normalbereich war, bevor ich etwas aß. Und ich startete eine Mahlzeit auch mal mit einer Unterzuckerung, wo natürlich kein Spritz-Ess-Abstand mehr möglich war, um das anschließende Hoch abzuwenden. 


Über den positiven Schwangerschaftstest habe ich mich sehr gefreut. Dann kam auch bald die Sorge, ob ich den empfohlenen Zielbereich schaffen könnte. Würde ich immer die Geduld, die Kraft und die Möglichkeiten haben, meinen Blutzucker so streng im Lot zu halten? Dementsprechend sollte es für mich eine Herausforderung werden, den neuen Zielbereich einzuhalten: Mehr Kontrolle und noch mehr Disziplin. Mit einem HbA1c-Wert von < 7% hatte ich aber schon mal einen guten Start.




Das erste Trimester

Mit meiner Diabetesberatung verabredete ich leicht abweichend von den Empfehlungen der DDG meinen neuen Zielbereich während der Schwangerschaft. Am Tag: 70-140 mg/dl und nachts: 65-120 mg/dl. Nun sollte ich alle vier Wochen zur Kontrolle beim Diabetologen bzw. zu der Diabetesberatung kommen, da sich mein Insulinbedarf verändern würde.

Zu Beginn habe ich meine Basalrate von vor der Schwangerschaft beibehalten. Ich brauchte nun zwar etwas weniger Insulin, aber so konnte ich meinen Blutzucker niedrig halten und hin und wieder etwas Süßes naschen. Von nun an habe ich mein Essen besonders genau abgewogen und in eine App eingetragen. Dann spritzte ich genau nach den angegebenen Kohlenhydraten Insulin. Außerdem errechnete ich Fett-Protein-Einheiten und gab Insulin als verlängerten Bolus ab. Ich war motiviert. Deswegen war ich leicht genervt, wenn das nicht klappte und der Blutzucker viel zu hoch war. Insgesamt war ich nach dem ersten Trimester trotzdem zufrieden. Die üblichen Schwangerschaftsbeschwerden ließen sich gut aushalten, mein Bauch wuchs und ich fühlte mich wohl.




Und wie lief es mit Sport? 

Vor der Schwangerschaft ging ich gerne 2-3 mal die Woche laufen (insg. ~ 20km). In den ersten 12 Wochen riet mir mein Gynäkologe, das erste Trimester abzuwarten und erst dann wieder zu starten. Als ich es dann mit dem Laufen wieder probierte, merkte ich jedoch zum ersten Mal meinen Beckenboden. Es fühlte sich wie ‚ein Druck nach unten‘ an, kein Schmerz, aber doch ein ungutes Gefühl. Daher pausierte ich während der gesamten Schwangerschaft mit dem Laufen. So ganz ohne sportliche Betätigung fühlte ich mich aber auch nicht wohl. Daher begann ich im zweiten Trimester mit Schwangerschafts-Workouts und im dritten Trimester auch mit Aqua-Gymnastik. Das war übrigens super, da ich im Wasser die Belastung durch den inzwischen schweren Bauch nicht mehr spürte und ich relativ unbeschwert aktiv sein konnte.

Ein Sandstrand und türkises Meer. Eine Frau mit Kleid in hellblau, die ihren Babybauch hält und in die Kamera lächelt.
Im 4. Monat schwanger im Urlaub in Griechenland.




Das zweite Trimester

Mein Insulinbedarf stieg weiter an. Laut DDG soll dieser im zweiten Trimester um ca. 50% ansteigen. Praktisch musste ich aber mit Basalratentests prüfen, zu welcher Tageszeit genau ich wie viel Insulin mit welchen KH-Faktoren und Spritz-Ess-Abstand benötigte. Es dauerte etwas, bis sich das einspielte. Sobald ich dann den neuen Bedarf konkret herausgefunden hatte, stieg er wieder und das Ausprobieren begann erneut. Meine Basalrate veränderte sich in dem zweiten Trimester von 13 IE auf 15 IE, die Bolusmenge von 28 IE auf 35 IE am Tag.

Als Beispiel brauchte ich vor der Schwangerschaft den KH-Faktor 1,5 zum Frühstück, im zweiten Trimester erhöhte sich der auf Faktor 2 und im weiteren Verlauf auf 2,5. Zunächst war es schon ungewohnt, 15 IE fürs Frühstück zu spritzen, aber ich brauchte es ja. Zudem verlängerte sich mein Spritz-Ess-Abstand auf ca. 30-60 Minuten, wodurch ich meinen Tag und die Mahlzeiten gut planen musste.



Inzwischen fiel es mir beim Essen öfters schwer 100% diszipliniert zu sein. Ich musste erst warten, bis mein Blutzucker passte, um dann essen zu können. Wie lange das jeweils dauerte, wusste ich vorher nicht. Das hat Kraft gekostet, mir schlechte Laune bereitet und war insgesamt belastend. Diesen Stress mit Süßigkeiten zu kompensieren, machte es nicht besser. Meine Zeit im Zielbereich konnte ich nicht immer einhalten.

Mit größer werdendem Bauch sollte ich nicht mehr auf dem Rücken, sondern eher auf der Seite schlafen. Den Pumpenkatheder habe ich bis dahin auch gerne auf der Außenseite vom Oberschenkel getragen. Als Seitenschläfer lag ich dann direkt auf dem Katheder, was sich nicht gut anfühlte. Dementsprechend wurde die Auswahl an geeigneten Kathederstellen geringer. Am Oberarm, an der Taille und am oberen Gesäß funktionierten sie für mich.

 



Das dritte Trimester

Inzwischen hatte ich alle zwei Wochen einen Kontrolltermin beim Diabetologen bzw. der Diabetesberatung. Mein Insulinbedarf stieg weiter. Im dritten Trimester soll dieser laut DDG um ca. 70-100% ansteigen.  Ich musste ständig Insulin als Korrektur spritzen, um nicht zu hoch zu kommen, vor allem nachts brauchte ich mehr. Daher habe ich die Basalrate regelmäßig angepasst. Am Ende des dritten Trimesters umfasste meine Basalrate ca. 25 IE pro Tag.

Auch die KH-Faktoren sind nochmal gestiegen. Beim Frühstück lag der Faktor nun bei 3,3. Der Spritz-Ess-Abstand beim Frühstück nahm für mich außergewöhnliche Ausmaße an: Ich plante fürs Frühstück 7 KE ein und spritzte dafür 23 IE. Dann kam die Insulinwirkung sehr spät und langsam. Nach 90 Minuten Spritz-Ess-Abstand aß ich die ersten 4 KE, nach einer weiteren Stunde die restlichen 3 KE. Das ständige Prüfen des Insulinbedarfs und die Anpassung der Basalrate und KE-Faktoren waren mühsam.

Ein Spiegelselfie. Die Frau auf dem Bild ist hochschwanger und trägt ein langes Kleid mit Leomuster und braune Schuhe.
Im 8. Monat schwanger.

Zu Beginn des dritten Trimesters wurde das Gewicht unserer Tochter zum ersten Mal als überdurchschnittlich festgestellt. In den weiteren Wochen hat sich dies leider bestätigt. Das könnte an meinen Blutzuckerwerten der letzten Monate liegen und hat mir daher ein schlechtes Gewissen bereitet. Trotzdem war ich auch zuversichtlich, dass sich das Gewicht des Babys mit mehr Disziplin beim Diabetesmanagement wieder ausgleichen würde.

Unterdessen habe ich mich auf eine Spontangeburt vorbereitet. Nach Rücksprache mit meinem Diabetologen habe ich die Gynäkologie im Krankenhaus darüber informiert, dass ich meine Basalrate mit Einsetzen der Wehen um 50% reduziere, um so meinen Blutzucker bei ca. 90-110 mg/dl halten zu können. Mit den Gynäkolog*innen war auch abgesprochen, dass ich mich während der Geburt um meinen Blutzucker selbst kümmere und die Pumpe nicht abgelegt werden muss. Für den Fall, dass ich keinen Kopf mehr für meinen Blutzucker habe und mich voll auf die Geburt konzentrieren muss, habe ich meinem Mann die Bedienung meiner Pumpe gezeigt. Dafür hatte ich ihm auch eine Anleitung geschrieben (Tipp aus dem Buch „CGM- und Insulinpumpenfibel“). So wusste er, wie er bei welchem Blutzucker reagieren sollte. Das hat mir ein Gefühl von Sicherheit gegeben. 




Die Geburt

Bei den letzten gynäkologischen Untersuchungen zeigte sich immer noch das erhöhte Gewicht und ein erhöhter Bauchumfang meiner Tochter. Daher brachten die Ärzte neben der Spontangeburt einen Kaiserschnitt ins Gespräch und klärten meinem Mann und mich über mögliche Risiken von beiden Geburtsvarianten auf. Nach reichlicher Überlegung entschieden wir uns für einen Kaiserschnitt, der ein paar Tage später ausgeführt wurde.



Während der Vorbereitung auf die OP senkte ich meine Basalrate wie besprochen auf 50% ab. Mein Blutzucker war während der Geburt im Operationssaal aber trotzdem etwas zu tief bei ca. 67-80mg/dl. Daher habe ich während der Spinalanästhesie ca. 3 KE Traubenzucker gegessen. So blieb mein Blutzucker zwar etwas tief, aber stabil. Der Kaiserschnitt verlief gut und wir konnten unsere Tochter endlich willkommen heißen.

Eine Frau mit Baby auf dem Bauch liegt in einem Krankenhausbett. Szene schräg von oben.
Endlich ist sie da!

Ein paar Stunden nach der Geburt stellte ich meine Pumpe wieder auf meine alte Basalrate von vor der Schwangerschaft um, was deutlich weniger Insulin als während der letzten Monate beinhaltete. Erst ca. sechs Stunden nach der Geburt stieg mein Blutzucker an, so dass ich Insulin als Korrektur spritzen musste. In den nächsten Tagen passt ich die Basalrate langsam an meine neue Situation an.


Während der Schwangerschaft habe ich mir Gespräche mit anderen Diabetiker*innen gewünscht, die auch gerade schwanger sind oder waren. Leider gab es niemanden in meinem Umfeld. Umso mehr habe ich mich über den Austausch mit der Blickwinkel Diabetes-Community in den Zoom-Meetings gefreut. Es tat gut zu hören, wie es anderen schwangeren Menschen mit Diabetes geht und dass wir Sorgen und Herausforderungen teilen. 

Schwanger zu sein ist etwas Besonderes, eine emotionale Zeit durch Hochs und Tiefs. Da wächst man bekanntlich mit seinen Aufgaben. Meine Freude über unsere Tochter überwiegt ganz klar die mühsame Zeit. Ich bin so froh, dass die Kleine da ist. Sie bringt mich jeden Tag zum Lachen.


Kirsten lebt mit Diabetes Typ 1 und ist Teil des Blickwinkel Teams

 

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