Von Deutschland nach Kirgistan mit dem Rad und Diabetes



Gemeinsam mit meiner Freundin war ich sieben Monate mit dem Rad unterwegs. Wir sind von Deutschland nach Kirgistan gefahren, haben uns auf 3.500m Pässe auf Schotterstraßen hochgequält, wurden eingeladen, haben uns in Georgien verliebt, die traumhaften Städte der alten Seidenstraße besichtigt und knapp 100 Nächte wild gezeltet.



Vorbereitung

Bevor es losgehen konnte, war natürlich Einiges an Vorbereitung nötig: Das Aufwendigste waren die ganzen Verbrauchsmaterialien (Katheter, Umfüllampullen, CGMs) in so großer Menge zu haben, dass es für die gesamte Reise und einen großzügigen Puffer reicht. Ich habe mir pro Quartal immer 4 Packungen Katheter für die Pumpe aufschreiben lassen, obwohl ich nur drei verbraucht habe. So kam nach und nach Einiges zusammen. Damals hab ich noch das FreeStyle Libre verwendet. Auch da hab ich eine Quartalslieferung vorgezogen (wir sind Anfang April los) und dann noch insgesamt fünf Sensoren als Puffer aus eigener Tasche bezahlt. Außerdem hatte ich durch die Umstellung von FSL1 auf FSL2 noch einige alte Sensoren übrig, die ich auch noch mitgenommen hab. Eine Ersatzpumpe hatte ich auch dabei. Musste ich leider selber bezahlen (knapp 500€ …). In Europa gab es einen 24 Stunden Austausch-Service, nicht aber weiter im Osten.

Außerdem hat mein tolles Praxisteam mir noch einige Lantus und NovoRapid-Pens geschenkt, die ich als Backup dabei hatte.

Von meinem Praxis-Team hatte ich eine Bescheinigung dabei, die mir erlaubte, mein Insulin, die Pumpe, die Nadeln etc. mit mir mit zu führen. War auf Deutsch und Englisch. Ich habe sie mir dann noch auf Russisch übersetzt. Wurde nie gebraucht.



Krankenversicherung & Co

Um Geld zu sparen, habe ich meine Krankenversicherung in Deutschland für die Monate, in denen wir nicht in Europa waren, gekündigt. Würde ich im Nachhinein nicht mehr machen. War stressig und vor allem haben sie mich in Bulgarien angerufen, und die Pumpe zurück verlangt … weil diese nicht mein Eigentum sei. Ging dann doch alles ohne Probleme, aber ist schon nervig ;)


Wir haben beide eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen. War alles kein Problem. Pro Tag hat sie (inkl. Russland) ca. 90ct. gekostet. Versorgung meines Diabetes war natürlich in den Konditionen ausgeschlossen (wie alle chronischen Krankheiten). Für uns war hauptsächlich wichtig, dass sie einen Rücktransport bei schwerer Krankheit bezahlen würden und dass dann auch die andere Person, die nicht krank ist, mit nach Hause fliegen könnte.



Vor der Reise

…hatte ich schon viele Sorgen wie alles wohl so werden würde: Geht das alles gut? Was passiert, wenn das Insulin geklaut wird? Schaffe ich es, dass nichts zu heiß oder zu kalt wird? Kann ich den Grenzbeamten*innen, die kein Wort Englisch sprechen, begreiflich machen, was ich da alles in meinen Taschen habe?

Nichts von meinen Sorgen hat sich während der Reise als begründet herausgestellt, alles war gut, ich hatte glaube ich einfach kein Pech. Im Nachhinein würde ich sagen, dass das „Sorgen machen“ vorher viel mehr Arbeit war, als die Vorbereitungen selbst.


Unterwegs

Es klingt unglaubwürdig, aber es gab während der sieben Monate keine einzige brenzlige Situation. Den Grenzbeamt*innen waren meine Taschen voll Medikamente ziemlich schnuppe - ich glaub als Radreisende*r wirkt man so ungefährlich, dass sie gar nicht so genau schauen. Ich bin nie in eine krasse Hypo oder Hyper gekommen - aaaaber ich hab gefühlt den halben Snickers-Vorrat in Zentralasien leer gefuttert. Es war völlig absurd, wie viele Snacks ich gebraucht habe. Das war auch hin und wieder echt ärgerlich: Wenn es mal läuft und man so gemütlich fährt, dann und genau dann kommt natürlich die Hypo und man kann erst mal stehen bleiben, Snack suchen, essen, warten, weiterfahren …



Lagerung von Insulin & Sensoren

Ärgerlich waren die Sensoren. Die waren bei mir leider nie wirklich genau, aber während der Reise sind sie immer ungenauer geworden. Ich glaube sie vertragen Temperaturen über 25° einfach echt schlecht. Dem Insulin hat das Ganze aber praktisch gar nichts ausgemacht …

Das Insulin (Durchstechflaschen) hatte ich in Luftpolsterfolie gewickelt und dann in eine Isolierkanne gepackt. Hat alles reingepasst! (Tetris!)


Das größte Problem beim Zelten sind die Temperaturen. Wenn es nachts friert, ist das Insulin hin. Deshalb hatte ich es in den besonders kalten Nächten in meinem Schlafsack… habe dann also mit der Thermoskanne gekuschelt. Tagsüber kann es auch ganz schön heiß werden im Zelt (wenn man mal mehrere Tage an einem Ort bleibt). Ich hab dann das Insulin immer möglichst tief auf die Erde gelegt und einen Berg mit Zeug drüber gebaut. So bekommt die Kanne die kühlen Temperaturen vom Boden ab und wird von oben nicht zu heiß. Auf Campingplätzen gab es auch immer wieder Kühlschränke.


Beim Radfahren habe ich das Insulin immer in der Flasche noch zusätzlich in meine Daunenjacke gewickelt und ganz tief in einer Radtasche verstaut.

Die CGM-Sensoren hatte ich in einer Isoliertasche verstaut. Damit sie da alle reinpassen, hab ich sie jeweils einzeln in Zipp-Beutel verpackt. So bekommt man einige in so ne Tasche rein ;)



Sportlich unterwegs

Mit dem bepackten Rad ist so eine Radreise schon ein ganz schönes Sportprogramm. Vor allem bei Hitze. Und es war SO heiß … Mein Insulinbedarf ist ungefähr um 70% gesunken. Ich hab immer wieder einfach Snacks genascht, ohne dass das den BZ beeindruckt hätte. Ein bisschen schwierig fand ich das Management zwischen Werten im Zielbereich und nicht ständig an Diabetes denken. Gerade beim Sport ist es bei mir so, dass ich mich mit Werten knapp außerhalb des Zielbereichs auch richtig mies fühle, weswegen ich schon drauf geachtet habe, dass es einigermaßen passt. Aber ich hab auch für längere Stücke am Tag den Diabetes einfach immer wieder vergessen…


 

Einen ausführlichen Reisebericht gibt es auf aufnachosten.wordpress.com und ein paar Eindrücke auf Instagram bei @auf.nachosten

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