Schwanger mit Diabetes - Zwischen Freude und Frust
- Blickwinkel Diabetes

- vor 42 Minuten
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Bevor ich mit meinen Erfahrungen anfange, möchte ich betonen, dass jede Schwangerschaft und jeder Diabetes anders sind. Das hier sind meine persönlichen Erfahrungen und Empfindungen. Außerdem möchte ich eine kleine Triggerwarnung voranstellen, dass ich auch über meine Blutzuckerwerte und meine Zeit im Zielbereich (TIR) berichten möchte. Damit sollst du dich bitte nicht vergleichen. Ich möchte nur zeigen, was in meinem Körper und meinem Kopf in den letzten Monaten alles passiert ist. Ich trage die Ypsopump im CamAPS-Loop mit dem Freestyle Libre 3+.
Vor der Schwangerschaft
Schon einige Zeit, bevor ich schwanger geworden bin, habe ich mich bereits von meinem Diabetes-Team beraten lassen, was in einer Schwangerschaft mit Diabetes so auf mich zukommen wird. In meinem Fall war die Angabe, dass der Zielbereich von meinen sonst üblichen 70-180mg/dl auf 70-140mg/dl angepasst wird. Dabei wäre eine TIR von >70% wünschenswert. Außerdem sollte mein Zielwert von 100mg/dl auf 90mg/dl gesenkt werden. Für mich klang das erstmal sehr entspannt, nachdem ich diese Werte mit meiner Ypsopump bereits vor der Schwangerschaft erreicht habe. Zusätzlich muss einem aber vor der Schwangerschaft klar sein, dass es zeitaufwändig ist. Zu den monatlichen Terminen bei meiner Gynäkologin kamen monatliche Termine bei meiner Diabetologin hinzu. Ab der 30. Woche hatte ich alle zwei Wochen meine Schwangerschaftsvorsorge und aufgrund des Diabetes noch jede Woche einen CTG-Termin. Ob das bei stabil laufenden Werten tatsächlich so nötig ist, sei mal so dahingestellt. Aber die Schwangerschaft mit Typ 1 Diabetes ist eben offiziell eine Risikoschwangerschaft. Das beinhaltet auch, dass als Geburtsort nur eine Klinik in Frage kommt und keine alternativen Orte wie ein Geburtshaus oder eine Hausgeburt. Außerdem muss die Klinik an eine Kinderklinik angeschlossen sein, weil das Baby nach der Geburt intensiver überwacht wird in Hinblick auf den Blutzucker.

Erstes Trimester
Mein erstes Trimester war leider von viel Übelkeit geprägt, sodass ich mich sehr schwer getan habe, überhaupt etwas zu essen. Ich hatte einfach wochenlang keinen Appetit und mir ist ein wenig meine Freude am Essen verloren gegangen. Dadurch, dass ich aber nicht so viel essen konnte, hatte ich wenig Probleme, meinen Blutzucker im Zielbereich zu halten.
Zweites Trimester
Im zweiten Trimester kamen Appetit und Energie zurück, sodass ich die Schwangerschaft richtig genießen konnte. Ich musste nach wie vor keinen Spritz-Ess-Abstand (SEA) einhalten und konnte mit dem geringsten Aufwand meine TIR bei ungefähr 80% halten. In der 22. Schwangerschaftswoche (SWS) musste ich meine Insulindosis das erste Mal ein wenig anpassen, weil ich einen gesteigerten Insulinbedarf bemerkt habe.
Der Insulinbedarf und die Insulinresistenz sind bei mir seitdem immer weiter angestiegen. Ungefähr seit der 25. SWS habe ich meinen SEA auf 10 Minuten gesetzt und mit der Zeit immer mal wieder meinen Insulin-Kohlenhydrat-Faktor angepasst. Ab der 30. SWS lag mein SEA bei 20 Minuten. Gegen Ende der Schwangerschaft hatte sich mein täglicher Insulinbedarf mehr als verdoppelt im Vergleich zu davor.
Um diese Feineinstellungen immer wieder neu herauszufinden, hatte ich viele Werte außerhalb von meinem Zielbereich. Prinzipiell ist das überhaupt nicht schlimm, aber ich habe in der Schwangerschaft gemerkt, dass ich einen unglaublich hohen Anspruch an mich selbst gestellt habe, weil ich meinen Bauchzwerg keinem Risiko aussetzen wollte. Dieser hohe Anspruch an mich und mein Diabetesmanagement hat in vielen Situationen dazu geführt, dass ich sehr frustriert war. Ich habe mein Essen abgewogen, habe gespritzt, einen SEA von 20 Minuten gehalten und dann eine Mahlzeit mit ausschließlich langsam wirkenden Kohlenhydraten gegessen und trotzdem ist der Blutzucker über 200mg/dl angestiegen. Nicht nur einmal sind aufgrund meiner Blutzuckerwerte ein paar Frust-Tränen geflossen.
Drittes Trimester
Allgemein habe ich es auch im dritten Trimester die meiste Zeit geschafft, meine TIR über 80% zu halten. Aber durch diesen Druck, dass ich für mein Baby alles richtig machen möchte, war ich teilweise schon sehr genervt davon, wenn ich mal über einige Stunden bei 150mg/dl hing und nicht wieder runtergekommen bin. Das ist von außen betrachtet eigentlich sehr irrational. Mein Baby kann das definitiv verkraften, wenn ich eine Zeit lang nicht bei 90mg/dl bin. Trotzdem konnte ich das oft nicht ausblenden und war enttäuscht. Für mich war also quasi jede Mahlzeit mit Druck und Stress verbunden. Deshalb habe ich versucht, Situationen mit Buffets oder Restaurant-Besuche so gut es geht zu vermeiden und jede Mahlzeit abzuwiegen.
Auf Social-Media wird der Druck nochmal erhöht, weil einem alle möglichen Menschen alle möglichen Dinge ans Herz legen, damit man eine leichte, unkomplizierte Geburt ohne Verletzungen haben kann. Zum Beispiel durch den Verzicht auf Weizen und Industrie-Zucker oder durch das Essen von Datteln. Für eine Person mit Diabetes, die sich eh schon so viel mit ihrer Ernährung auseinandersetzen muss, macht das nochmal mehr unnötigen Stress. Jedes Baby und jede Geburt sind anders. Ob ich die Geburtsdauer tatsächlich durch das Essen von 6 Datteln am Tag beeinflussen kann, oder ob hier eher genetische, physische, psychische oder situationsbedingte Voraussetzungen entscheidend sind, darüber lässt sich definitiv streiten.
Eine Sache, die besonders für Schwangere mit Diabetes empfohlen wird, ist das Sammeln von Kolostrum (Vormilch) ab der 37. SWS. Das kann einerseits wehenfördernd sein und andererseits kann das Baby direkt nach der Geburt die nötigen Nährstoffe bzw. den nötigen Zucker bekommen, um Unterzuckerungen zu vermeiden. Bei mir hat das Ausstreichen von Kolostrum super funktioniert und ich hatte am Ende ca. 25ml zusammen. Aber das klappt nicht bei allen Schwangeren so einfach, also macht euch hier nicht verrückt. Jeder gesammelte Tropfen ist Gold wert für euer Baby.
Geburt
Ein weiterer Punkt, der mir vorher nicht bewusst war, betrifft die empfohlene Einleitung bei 40+0 SWS. Nachdem sich meine Maus leider nicht vorher schon selbstständig auf den Weg gemacht hat, wurde die Geburt bei mir zum ET (errechneter Geburtstermin) hin eingeleitet. So hat es relativ genau 48 Stunden gedauert, bis die Wehen richtig eingesetzt haben. Meinen Blutzucker hat das ganze wenig beeinflusst. Erst bei der aktiven Geburt ist der Wert nach oben gegangen. Mein Partner hatte die Werte immer im Blick und hat mir zwischendurch immer wieder Updates gegeben. Weil ich aber lieber etwas zu hoch als zu niedrig sein wollte, habe ich die Werte über 200mg/dl nicht korrigiert. Meine tausend Unterzucker-Snacks sind demnach unberührt in meiner Kreißsaal-Tasche geblieben. Auch die Pumpe habe ich im Laufe der Geburt abgemacht, weil sie mich gestört hat. Die aktive Geburt hat aber auch nur gut 5 Stunden gedauert. Wäre es länger gewesen, hätte ich wahrscheinlich etwas gegen den Überzucker gemacht. Die ersten Tage nach der Geburt habe ich sehr vorsichtig gespritzt und war dann teilweise auch noch etwas "hoch", aber als ich richtig mit dem Stillen gestartet habe, ist mein Insulinbedarf so stark gesunken, dass ich jetzt sogar einen niedrigeren Bedarf habe als vor der Schwangerschaft. Momentan kämpfe ich ein wenig damit, dass ich ganz oft unterzuckere, aber der Algorithmus muss sich nun auch erst wieder einpendeln.
Fazit
Ich kann für mich sagen, dass es meinem Baby die gesamte Schwangerschaft über super ging. Größe und Gewicht lagen immer im Durchschnitt oder nur leicht drüber und auch sonst lief meine Schwangerschaft bis auf ein paar kleine Wehwehchen absolut komplikationslos. Ich würde fast sagen, meine Schwangerschaft wäre ein Spaziergang gewesen, wenn der Diabetes nicht gewesen wäre. Das entspricht natürlich auch nicht der Wahrheit, weil eine Schwangerschaft immer extrem anstrengend und herausfordernd ist, aber es zeigt trotzdem, wie viel Raum mein Diabetes in diesen neun Monaten eingenommen hat, sodass ich die normalen Schwangerschaftssymptome/-schmerzen als „nicht schlimm“ eingestuft habe.
Für mich war ganz entscheidend, dass ich mich sowohl mit meiner Gynäkologin als auch mit meiner Diabetologin sehr wohl gefühlt habe. Ich konnte meinen Frust immer offen zeigen und wurde nicht verurteilt, sondern ermutigt und aufgefangen. Und das war besonders im dritten Trimester schön und für meine mentale Gesundheit extrem wichtig.
Und was soll ich sagen? Jetzt halte ich mein kerngesundes Baby im Arm und könnte glücklicher und stolzer nicht sein, dass dieses kleine Wesen, mein Partner und ich die Schwangerschaft und Geburt gemeinsam gemeistert haben.
Ist eine Schwangerschaft mit Diabetes anstrengend? Ja. Habe ich einige Tränen wegen meines Diabetes vergossen? Ja. Hat es sich trotzdem gelohnt? Definitiv. Würde ich es nochmal machen? Auf jeden Fall. Ich habe es geschafft, also schaffst du das auch!



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