Diabetes Typ 1 Diagnose in der Kindheit

Immer wieder höre ich von Diagnose-Erzählungen, in denen es erst mal eine falsche Diagnose gab oder man ohne Hilfe einfach wieder weggeschickt wurde. Mir ist das zum Glück nicht passiert.


Als Diabetes bei mir ausgebrochen ist war ich neun Jahre alt. Ich lebte in einem kleinen Dorf in der Nähe von Hamburg und besuchte eine Grundschule in der nächsten Kleinstadt. Meine Schulzeit war bisher recht unauffällig. Ich war eine gute Schülerin und brachte mich gerne in die Klassengemeinschaft ein. Klingt bis dahin erstmal nach einer glücklichen Kindheit, doch das änderte sich für mich.

Ich erinnere mich daran, wie ich beim Sportunterricht und in den Pausen immer kurzatmiger wurde. Aktivitäten, die mir früher Spaß machten fühlten sich nun sehr anstrengend an. Ich hatte auch manchmal das Gefühl, als wäre ich in einer Blase von allem abgeschirmt. Manchmal hat sich meine Zunge wie Sandpapier angefühlt und ich dachte ich würde krank werden.

Und dann war ich krank, aber so richtig. Zunächst vermuteten wir einen Magen-Darm-Infekt. Doch dieser zog sich dann über zwei Wochen. In dieser Zeit konnte ich nicht so richtig etwas zu mir nehmen. Ich hatte zwar zwischendurch immer wieder Hunger und versuchte etwas zu essen, aber letztlich konnte ich nichts bei mir behalten. Auffällig war auch mein Durst. Eine Flasche Wasser war für mich nur wie ein kleiner Tropfen auf einem heißen Stein.

Meine Mutter hat sich dann schlussendlich irgendwann entschlossen den Notarzt zu rufen, da sie mit mir nicht lange im Wartezimmer eines Arztes sitzen wollte. Rückblickend würde ich sagen, dass ich das auch nicht gekonnt hätte. Innerhalb weniger Tage hatte ich damals sehr an Gewicht verloren und war durch die Strapazen meiner Verdauung sehr geschwächt.

Ich erinnere mich tatsächlich nur sehr verschwommen an den Notarzt. Neben den anderen Symptomen war ich außerdem einfach sehr müde und dämmerte wohl auch während seines Besuches immer wieder weg. Der Notarzt hatte wohl auch nicht so richtig einen Rat, denn er schickte uns in Krankenhaus.




Das war für mich erstmal ok, aber ich wollte auf keinen Fall dort übernachten. Mein Vater fuhr damals mit mir in das Krankenhaus der nächsten Kleinstadt, deren Namen ich hier nun nicht aufführen möchte. Meine kindliche Panik rührte nämlich von einem Spruch, der sich erzählt wurde und den, warum auch immer, ich als Kind schon kannte. In diesem Spruch geht es um das Krankenhaus und darum, dass man dort bloß zu übernachten bräuchte, wenn man sich nach dem Tod sehnen möchte. Verständlich also, dass ich dort nicht übernachten wollte. Trotzdem fuhren wir erstmal in dieses Krankenhaus.

Auch an meinen Besuch dort kann ich mich kaum erinnern. Mir muss aber Blut abgenommen worden sein, denn die Diagnose oder der Verdacht wurde schon dort geäußert und man hätte mich dort aufgenommen. Da ich das aber partout nicht wollte, wurde ich in ein Kinderkrankenhaus in Hamburg überwiesen.

Ich weiß noch, dass ich dort zur Aufnahme erstmal in einen Untersuchungsraum kam. Ziemlich schnell bin ich dann an den Tropf und auf ein Zimmer gekommen. Ich weiß nicht, ob meine Mutter nachgekommen ist oder direkt mit mir dorthin gefahren ist, jedenfalls hat sie damals mit mir in einem Mutter-Kind-Zimmer gewohnt. Ich hatte dort eine Zimmernachbarin, die auch mit ihrer Mutter aufgenommen wurde und zwar wegen einer Blutvergiftung. Ich erinnere mich noch gut, wie interessant ich das fand.

Während meine Mutter in den ersten Tagen viele Gespräche mit Ärzten hatte, verbrachte ich die Zeit am Tropf. Besonders eindrücklich war für mich die erste Nacht: Ich musste plötzlich auf die Toilette und der Tropf passte nicht durch die Lücke zwischen dem Bett meiner Mutter am Fußende und meinem Bett. Ich traute mich nicht auf den Knopf zu drücken oder meine Mutter deshalb zu wecken. Das lag nicht daran, dass ich ein sehr schüchternes Kind war, ich wollte einfach niemanden stören. Also kam es, wie es kommen musste und ich machte in die Hose. Natürlich ist meine Mutter dann doch aufgewacht und hat sich um mich gekümmert. Ich weiß aber noch, dass das damals für mich ganz schlimm war und ich das als sehr peinlich empfand.

Die Tage darauf lernte ich, wie man Kohlenhydrate berechnet und wurde mit Einmalspitzen gespritzt. Diese zog ich zwar selbst auf und berechnete das Insulin eigenständig, ich weigerte mich aber strickt mich selbst zu spritzen. Das war ein großes Thema. Es wurde alles versucht. Ich sollte an einem Kuscheltier und einer Orange üben. Meine Mutter spritzte sich selbst, um mir zu zeigen, dass es nicht so schlimm war. Ich fand es auch nicht schlimm. Angst hatte ich vor Nadeln nie. Impfen war für mich nie ein Stressthema und auch wenn ich gespritzt wurde, meckerte ich darüber nicht. Nur selbst tun, wollte ich es nicht. Schließlich kam einer der Oberärzte mit einer Spritzhilfe. In dieser konnte der Pen aufgezogen werden und schoss dann auf Knopfdruck in die Haut. Das war für mich ein Schlüsselmoment, denn damit konnte ich viel besser klar kommen.

Nach zwei Wochen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen. Vieles, was in der darauf folgenden Zeit passierte, ist in meiner Erinnerung dunkel und sehr verschwommen. Meine Mutter sagte mir einmal: „Der Zeitpunkt, an dem dir als Kind gesagt wurde, dass du das für den Rest deines Lebens tun musst, war der Moment, in dem du deine Lebenslust verloren hast.“

Aber meine Depression und wie ich eine gute Beziehung zu meinem Diabetes entwickeln konnte, ist eine eigene und ganz andere Geschichte, die ich gerne ein anderes mal erzähle.



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